Der Untergang des Hauses Usher (Netflix-Serie)

  • Der Untergang des Hauses Usher


    Originaltitel: The Fall of the House of Usher

    Erstveröffentlichung: 12. Oktober 2023

    Genre: Drama, Horror

    Originalsprache: Englisch

    Länge: 8 Folgen (57-77 Minuten) in 1 Staffel


    Mit Der Untergang des Hauses Usher ist nach Spuk in Hill House (Thema dazu: Spuk in Hill House (Netflix-Serie)), Spuk in Bly Manor (Thema dazu: Spuk in Bly Manor (Netflix-Serie)), Midnight Mass und Gänsehaut um Mitternacht eine weitere Serie des Regisseurs Mike Flanagan auf der Streamingplattform Netflix verfügbar, die sich in den Gefilden des Unheimlichen bewegt. Dem Titel entsprechend basiert die Serie auf der gleichnamigen Erzählung von Edgar Allan Poe und weiteren seiner Werke; unter anderem sind die Folgen nach diesen benannt oder Zitate daraus. Außerdem werden Elemente aus dem Leben des Schriftstellers aufgegriffen. Die Serie ist unabhängig von den vorigen - dafür gibt es bei den Rollenbesetzungen erneut ein Wiedersehen mit einigen bekannten Gesichtern.


    Inhalt: Die Zwillinge Roderick und Madeline stehen an der Spitze der Familie Usher und leiten seit Jahrzehnten den gewaltigen Konzern Fortunato Pharmaceuticals - mit Ehrgeiz wie Erfolg und dem Anschein nach ohne Skrupel oder Konsequenzen. In einer stürmischen Nacht im November des Jahres 2023 lädt Roderick den gegen sie ermittelnden Staatsanwalt C. Auguste Dupin zu sich ein, um mit ihm über die Vergangenheit zu sprechen und endlich seine Verbrechen zu gestehen. All seine Kinder hat er in den zwei Wochen zuvor unter jeweils tragischen wie grausamen Umständen verloren. Er enthüllt ihm, wie bereits vor und nach ihrem ersten Treffen im Jahr 1979 alles seinen Anfang und Lauf genommen hat: wozu seine und Madelines Entscheidungen geführt und wie sie damit das Schicksal der gesamten Familie Usher beeinflusst haben. Eine wichtige Rolle scheint dazu die geheimnisvolle Barkeeperin Verna zu spielen, der die Zwillinge damals in der Silvesternacht 1980 begegnet sind ...


    Folgen:

    #1 Mitternacht, von Gram umschattet (A Midnight Dreary)

    #2 Die Maske des Roten Todes (The Masque of the Red Death)

    #3 Mord in der Rue Morgue (Murder in the Rue Morgue)

    #4 Der schwarze Kater (The Black Cat)

    #5 Das verräterische Herz (The Tell-Tale Heart)

    #6 Der Goldkäfer (The Goldbug)

    #7 Die Grube und das Pendel (The Pit and the Pendulum)

    #8 Der Rabe (The Raven)


    Persönliches Fazit: Ich habe wohl noch bei keiner anderen Serie ihrem Erscheinen in einem solchen Ausmaß entgegengefiebert wie bei Der Untergang des Hauses Usher. Einerseits haben mich vor allem die beiden Spuk in-Serien von Mike Flanagan begeistert und mitgerissen und zählen zu meinen absoluten Favoriten. Andererseits liebe ich seit meiner Kindheit die Werke von Edgar Allan Poe. Mit neun Jahren habe ich zum ersten Mal einige Geschichten auf Deutsch gelesen, als allererste tatsächlich Der Untergang des Hauses Usher; in der Schule habe ich Englisch lernen wollen, damit ich alles in der Originalfassung lesen kann; in meiner Facharbeit in der Kollegstufe habe ich einen Vergleich zwischen Der Untergang des Hauses Usher und der Verfilmung Die Verfluchten von Roger Corman aus dem Jahr 1960 angestellt; in der Nacht vor meiner Abiturprüfung in Englisch habe ich zur Vorbereitung diese Geschichte im Original gelesen, weil sie meine liebste ist.


    Kurzum: Als ich aufgeschnappt habe, dass die nächste Serie von Mike Flanagan auf den Werken von Edgar Allan Poe beruht und sogar den Titel Der Untergang des Hauses Usher trägt, sind meine Vorfreude und Erwartungen in die Höhe geschossen. Genau von dieser Kombination habe ich insgeheim geträumt! Zum Glück bin ich nicht enttäuscht worden (und zum Glück habe ich kurz nach der Veröffentlichung mein Konto vom Account meines Bruders auf ein eigenes transferiert, Danke Netflix ...). Ganz im Gegenteil. Mich hat die Serie von Anfang bis Ende überzeugt und gepackt. Innerhalb von zwei Nächten habe ich alle Folgen verschlungen, wobei ich die Unterbrechungen zum Aufarbeiten eingeschoben habe, denn die Serie hat mich mit ihrer Rezeption der Werke von Edgar Allan Poe regelrecht überwältigt. Bis auf einige Andeutungen und Details, die ich einstreue, versuche ich im Folgenden (in meiner Lobeshymne) allzu große Spoiler zu vermeiden.


    Wie Spuk in Bly Manor entwirft die Serie eine reizvolle Erzählsituation. Dem eigentlichen Beginn der Handlung gehen einige gravierende Ereignisse voraus, deren Hergang zunächst im Dunkeln liegt. Diese werden innerhalb einer Unterhaltung in Rückblenden geschildert und der Reihe nach aufgelöst, während die Vergangenheit sozusagen wiederholt in die Gegenwart einbricht. Nicht nur halte ich das generell für ein interessantes Stilmittel, es ist zugleich insofern virtuos, als in der Originalgeschichte ein ähnliches Motiv vorliegt und das Erzählen einer Geschichte die Handlung lenkt. Trotz dieser Struktur und den unterschiedlichen Zeitebenen, in denen die Ereignisse stattfinden, kann man der Serie meines Erachtens problemlos folgen. Man erfährt im Verlauf alles über die Familie Usher, deren Charakter und Taten und letztlich ihrem Verhängnis. Aufmerksam muss man allerdings bleiben, um die zahlreichen Informationen und Hinweise wahrzunehmen und alles zu verstehen; bereits die Dialoge sind oft ausführlich und intensiv. Eine leichte Kost für Zwischendurch ist die Serie darum nicht - und vermutlich nicht unbedingt für zartbesaitete Gemüter geeignet.


    Die Themen sind schwierig, ganz im Stil der Vorlagen ist ein zentrales der Tod - sowie natürlich der seelische wie wortwörtliche Verfall der Familie Usher. Zwar ist die Atmosphäre wundervoll düster und schaurig. Gerade die Gestaltung einiger Innenräume und die Szenen dort gefallen mir, nicht zuletzt verweist die altertümlich anmutende Optik auf die Zeit, in der die Werke entstanden sind oder sich inhaltlich ansiedeln, oder auf frühere Bearbeitungen der Stoffe. Zum Beispiel mag ich auch sehr die explizite Anspielung auf eine Verfilmung von Roger Corman (übrigens sind das B-Movies, dennoch auf ihre Art unterhaltsam und prägend) in der sechsten Folge.


    Anders als die beiden Spuk in-Serien schlägt Der Untergang des Hauses Usher aber ebenfalls einen Ton an, der weitaus makabrer, brutaler und blutiger ist. Obwohl ich sonst mit Splatter- und Gore-Effekten wenig anfangen kann, empfinde ich sie hier als gelungen und angemessen verwendet. Mit der visuellen Grausamkeit geht eine emotionale einher. Es wird verhandelt, wozu man fähig sein kann, um etwas in den eigenen Augen Wichtiges zu erreichen, und wie das verdirbt - wie schnell und leicht man in einem korrupten System zu Opfer wie Täter werden kann und welchen Preis es hat, diesen Kreislauf beenden zu wollen. Der Ursprung des Horrors erscheint selten als übersinnlich, er erwächst daraus, wie Menschen sind und miteinander umgehen und aus der Imagination. Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Wahnsinn dringen in die Normalität ein und bereiten den Nährboden, auf dem sich das Grauen entfalten darf. Dabei zeigt die Serie einen bitteren, zynischen und gesellschaftskritischen Tenor und kommentiert (übrigens ähnlich wie Edgar Allan Poe damals) Themen unserer Zeit. Zuweilen erfolgt das verhältnismäßig offensichtlich; mich hat es nicht gestört. Es gibt einige wohldosierte Jump-Scares; mehr als in den Spuk in-Serien, trotzdem ist Der Untergang des Hauses Usher weit von plumper Action entfernt.


    Da ich die zugrundeliegenden Werke kenne, ist die Serie (anders als die vorigen, wo mir dieses Wissen fehlt) weitgehend vorhersehbar - für mich ist es daher spannend zu erfahren gewesen, wie es jeweils umgesetzt ist. Die Titel der Folgen, die Namen der Figuren und so viel mehr - wenn man das einigermaßen einordnen kann, lässt sich das Wesentliche erschließen. Statt mich zu langweilen, hat mir das unglaublich viel Spaß gemacht. Besonders beeindruckt mich unter anderem das Ende der zweiten Folge, das in seiner Drastik verstörend grandios inszeniert ist, oder eine Szene in der letzten Folge, in der Passagen der drei Strophen meines Lieblingsgedichts rezitiert werden, die ich selbst auswendig kenne (und darum gern leise mitspreche), während die Darstellung der Ereignisse bei mir für wohlige Schauer sorgt.


    Es fasziniert mich, wie die Werke und Elemente aus dem Leben von Edgar Allan Poe interpretiert und integriert werden. Der Untergang des Hauses Usher kombiniert und kommentiert alle möglichen Inhalte, Motive und Details in einer für mich neuen, noch nicht dagewesenen Form. Ich will mir nicht anmaßen, überhaupt alle Anspielungen und Querverweise entdeckt zu haben - ich kann nur feststellen, dass die Listen, die ich online dazu finde, unvollständig sind. Diese Collage ergibt eine eigenständige Serie, die meinem Eindruck nach nicht im Schatten ihrer Vorlagen steht und gleichzeitig eine rundum gelungene Hommage ist. Allein die Flut an Zitaten, die man in zig Dialogen entdecken kann, ist herrlich! Darüber hinaus modernisiert sie alles geschickt, sodass sich die angestaubten Stoffe zeitgemäß anfühlen, oder kehrt essenzielle Motive auf eine erfrischende und interessante Art und Weise komplett um. Ehrlich gesagt überrascht mich, wie gut das funktioniert. Ungeachtet aller Freiheiten: Das Wesen, die Essenz der Werke von Edgar Allan Poe wird genau erfasst. Ich kenne keine andere Bearbeitung, die das auf einem derartigen Niveau erreicht.


    Durch mein Hintergrundwissen kann ich die Serie (leider?) nicht ohne diese Metaebene betrachten. Einen zweiten Durchlauf probiere ich jetzt zusammen mit meiner Mutter, die die Werke von Edgar Allan Poe nur vage kennt (hauptsächlich durch die sehr freien Verfilmungen von Roger Corman). Ich bin neugierig, wie ihr Urteil ausfällt; bis zur vierten Folge findet sie es so weit klasse (und besser als Spuk in Bly Manor, das sie für etwas zu ruhig hält).


    Für mich ist Der Untergang des Hauses Usher mein persönlicher Serienhöhepunkt in diesem Jahr und muss sich keinesfalls vor den beiden Spuk in-Serien verstecken, sondern kann trotz und wegen der Unterschiede definitiv und mindestens mit ihnen mithalten - und sie womöglich übertreffen, das muss ich längefristig abwägen. Die Serie ist großartig und hat mich auf einer Metaebene unterhalten, die sich mir erstmals eröffnet hat. Wer von euch hat Der Untergang des Hauses Usher gesehen und wie ist euer Resümee?

    »Zeit entschwindet, Menschen scheiden ...

    In ewig wie des Wassers Fluss ...

    Zu königlichem Streben reift des Kindes Mut ...

    Junger Liebe Knospen erblühen groß und stark ...«

    – Shiek in »The Legend of Zelda: Ocarina of Time«

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