Mittlerweile habe ich wirklich diverse Kontakte mit neurodiversen Personen und weiß, dass sich viele der Verhaltensweisen mit meinen deckeln. Und ich bin auch froh in einem verständnisvolleren Umfeld zu sein. Trotzdem wurde ich schon etliche Male dafür beleidigt und niedergemacht wenn ich mich einfach offen meinen Verdacht mitgeteilt habe. Selbst meine Mutter (und die ist in manchen Punkten wirklich noch etwas konservativer als ich) empfindet eine Verdachts-Diagnose als nichts Schlimmes. Warum also diverse, angeblich aufgeschlossene Menschen im Internet?
Diverser, angeblich ausfgeschlossener Mensch aus dem Internet hier. *meld*
Das Problem mit Verdachts-Diagnosen ist, dass es keine Diagnosen sind - die gibt es (sorry für den Captain Obvious) vom Arzt und das hat auch seine Richtigkeit. Ich glaube es ist sehr sehr leicht, sich selbst in stimmigen Beschreibungen, Symptomen und Äußerungen wiederzuerkennen. Und es ist auch nicht falsch, sich damit auseinander zu setzen und das zu hinterfragen bzw. zu recherchieren, wenn man zum Beispiel das Gefühl hat, einem geht es nicht gut, et cetera. Denn das kann der erste richtige Schritt in die Richtung zu sein, überhaupt zu erkennen, dass man vielleicht etwas hat, wobei man Hilfe braucht.
Die Falle ist hier, sich auf Basis dessen (oder durch Bestätigung durch andere) selbst zu diagnostizieren, wenn es keine medizinische Grundlage oder Prüfung dafür gegeben hat. Und ich kann es auch keinem verdenken, dass er bei sowas erstmal die Augenbraue hebt, denn wir leben in einer Gesellschaft, die für unser modernes Verständnis wissenschaftliche Grundlagen und Beweisführungen erhebt. Und dann zu sagen "ja, ich hab mir das selbst diagnostiziert" oder einen Verdacht so zu behandeln, als hätte man bereits eine Diagnose bekommen, wenn man kein Arzt/Wissenschaftler ist oder eine entsprechende Ausbildung hat, ist allein schon deshalb nicht sehr glaubwürdig und wirft eher Zweifel am kritischen Verstand desjenigen auf, als dass es Verständnis schafft.
Ich fürchte, es ist auch relativ einfach, das für sich selbst mal eben so festzulegen. Würde aber ein anderer Mensch auf dich zugehen, und dir zum Beispiel ankreiden, dass du (oder jemand anderes), als Extrembeispiel eine soziopathische Störung hättest, weil er meint, die entsprechenden Symptome bei dir zu sehen, obwohl er weder Psychologe noch Psychiater ist, fändest du das wahrscheinlich auch nicht schick. Die Ironie dabei ist leider, dass die Grundnahme der "Verdachts-Diagnose" aber in beiden Fällen dieselbe ist - nämlich Küchentischpsychologie.
Und daher finde ich es absolut gerechtfertigt, solchen Äußerungen mit Vorsicht und Skepsis zu begegnen. Es ist für mich auch schwer nachzuvollziehen, weshalb solche Diagnosen mit scheinbar weniger Ernsthaftigkeit behandelt werden, als andere Krankheits- oder Störungsbilder.
Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass irgend jemand nicken und Amen sagen würde, wenn jemand behaupten würde, dass er sich selbst mit Verdacht auf Krebs diagnostiziert, weil seine Symptome dazu passen. Man würde ihn zum Arzt schicken. Und womit? Mit Recht. Ich für meinen Teil würde nämlich nicht wollen, dass irgendein Laie, Quacksalber oder Tik-Toker mir so etwas ausstellt, sondern jemand, der die entsprechenden Bescheinigungen dafür besitzt. Sonst bewegen wir uns nämlich auch ganz schnell wieder rückwärts in unserem Fortschritt.
Das muss man natürlich nicht unfreundlich äußern. Ich finde es aber auch auf der anderen Seite auch nicht unbedingt sensibel, so etwas anderen Leuten einfach hinzuwerfen. Einmal, weil es wie gesagt schon logisch keine gute Grundlage bietet, aber auch zwischenmenschlich nicht der geschickteste Zug ist, wenn es Verständnis ist, auf das man abziehlt. Erkläre ich gerne genauer:
Die zweite Falle ist nämlich, anzunehmen, dass es irgendwem was bringt, oder sich alles automatisch bessert, sobald man jemandem eine Verdachts-Diagnose oder auch eine tatsächliche Diagnose vorsetzt.
Grundsätzlich ist es natürlich eine tolle Sache, dass wir in einer Zeit und Gesellschaft leben, in der psychische Krankheiten und Befindlichkeiten weniger stigmatisiert sind und mit mehr Toleranz und Sichtbarkeit behandelt werden - das macht es insbesondere tatsächlich Betroffenen einfacher, Hilfe zu kriegen.
Allerdings heißt das nicht, dass sich jeder automatisch deshalb damit auskennt. Der Ottonormalbürger hat vielleicht eine grobe Vorstellung davon, was eine Depression ist. Die meisten Laien können aber nicht einmal den Unterschied zwischen Schizophrenie und Multipler Persönlichkeitsstörung benennen (bzw. wird gerne angenommen, es sei dasselbe). Da ist für mich die Frage: Was bringt es jemandem zu sagen "Ja ich habe XYZ, bitte nimm Rücksicht!"?
Anstatt seinen Mitmenschen einfach nur Diagnosen hinzuwerfen bzw. etwas vorauszusetzen, was sie im Zweifel nicht wissen können, scheint es mir sinnvoller, jemandem konkrete Hinweise an die Hand zu geben. Viele Menschen im Raum machen dich nervös? Du schaust Leuten nicht gern in die Augen? Du wirst manchmal unvermittelt von heftiger Traurigkeit geschüttelt und beginnst kontextlos zu weinen?
Gib anderen Menschen doch lieber erstmal solche Hinweise, und sag ihnen konkret, wie sie darauf Rücksicht nehmen oder was sie in so einem Fall tun können. Lass sie wissen, was es bedeutet und was nicht, was du grad brauchst oder was man lieber lässt. Nicht jeder hat davon Ahnung (und steht auch nicht in der Verantwortung, sie zu haben) oder kann mit Fachbegriffen etwas anfangen. Meiner Erfahrung nach erreicht man andere Menschen auch eher, wenn man ihnen dahingehend "auf Augenhöhe" begegnet (auf der man ja auch betrachtet werden möchte), anstatt einfach eine Erwartungshaltung zu haben oder etwas vorauszusetzen.
Ich finde es toll, dass heute offen über Themenen wie Hochsensibilität und so weiter gesprochen werden kann. Aber es verlangt Feinfühligkeit in beide Richtungen. Sowohl für die Betroffenen, als auch für die, die damit umgehen sollen, wie für die Ernsthaftigkeit solcher Themen insgesamt, sollen sie auch von der breiteren Masse verstanden und ernstgenommen werden.