Ich muss sagen, mir widerstrebt diese Denkweise. Aus zweierlei Gesichtspunkten.
Ich will damit nicht sagen, dass Filme oder Fiktion allgemein die Realität nicht verzerren. Alles mögliche wird "falsch" und unrealistisch dargestellt, das beginnt bei Actionszenen, geht über natürliches menschliches Verhalten und macht zweifellos auch bei Romantik nicht halt.
Aber das ist ok, wir lieben diese Lügen. Wir geben gutes Geld aus, um uns darin zu verlieren, um unser Verlangen nach irgendeiner Fantasterei zu erfüllen. Die Welt vor Ganon retten, Abenteuer zu erleben, oder in irgendeiner sexuellen Fantasie zu schwelgen, was auch immer uns gerade umtreibt. Und wenn es vorbei ist, dann geht das reale Leben weiter und wir sind um Erfahrungen und Erinnerungen reicher.
Um diese Trennung zwischen Realitat und Fiktion zu gewährleisten, gibt es Altersbeschränkungen. So werden junge Menschen vor Einflüssen bewahrt, die sie noch nicht richtig einordnen können.
Doch sobald man erwachsen ist, muss das eigenverantwortlich geschehen. Es wird zurecht erwartet, dass man Fifty Shades of Gray nicht als Musterbeispiel für eine gute Beziehung aufnimmt, genauso wenig, wie man Stunts aus einem Avengers Film nachahmt.
Natürlich gibt es immer erwachsene Menschen, die können das nicht, aus welchem Grund auch immer. Menschen, die mit fiktionale Geschehnissen nicht klar kommen. Menschen, die nach einem Horrorfilm nächtelang wachliegen, oder sich durch ein verzerrtes Bild von Romantik das Liebesleben ruinieren.
Es klingt vielleicht zynisch, aber diese Menschen haben meines Erachtens einfach Pech gehabt. So ist das in allen möglichen Bereichen des Lebens. Alkohol, Zigarretten und Glücksspiel werden nicht verboten, auch wenn manche Menschen sehr empfindlich auf Suchtpotentiale reagieren und daran sprichwörtlich zugrundegehen. Selbiges gilt auch für Sensibilität gegenüber fiktionalen Ereignissen. Herr der Ringe braucht nicht auf krasse Riesenspinnen verzichten, nur weil manche Menschen Arachnophobie haben. Fiktionsschreiber sollten ihre Fantasien nicht zügeln, nur weil zart besaitete Menschen negativ darauf reagieren. Ich halte von kitschigen Möchtegernromanzen ja auch nicht viel, aber wem sie gefallen, der soll sie aus vollen Zügen genießen dürfen.
So viel zum erstem Gesichtspunkt.
Der zweite Gesichtspunkt, der mir heutzutage sehr oft auffällt und arg widerstrebt ist der, dass fiktionalen Werken eine Art repräsentative Verantwortung angelastet wird.
"Fifty Shades of Gray stellt BDSM im falschen Licht dar."
"Serie X hat zu wenig ethnische oder sexuelle Vielfalt."
"Film Y stellt diese oder jene Minderheit zu stereotypisch dar."
Oder, wie in den aufgeführten Beispielen (rein von den Titelbildern abgeleitet, mir fehlt die Zeit und die Muße, sie anzusehen):
"Big Bang Theory propagiert schlechten Umgang mit Frauen."
"Harrison Ford propagiert in seinen Rollen schlechten sexuellen Umgang"
"Twilight vermittelt ein verzerrtes Bild von Romantik."
Was mich an solchen Behauptungen so stört ist, dass Fiktionale Werke eben in der Regel nicht als Musterbeispiel für Vorbildliches Verhalten vorgesehen sind. Genauso wenig sind sie dafür da, irgendwelche realen Gegebenheiten statistisch repräsentativ abzubilden.
Twilight ist eine Geschichte über eine spezielle Beziehung zwischen zwei Individuen, nicht das Musterbeispiel für alle Beziehungen überhaupt.
Harrison Fords Charaktere sind Einzelpersonen, die spezielle Dinge tun, die nicht zur Verallgemeinerung gedacht sind.
Big Bang Theory zeigt eine bestimmte Freundesgruppe mit besonderen Dynamiken, nicht einen Querschnitt der allgemeinen Bevölkerung.
Ein stereotypisch ethnischer Charakter in Film Y ist eine Einzelperson mit besonderen Eigenheiten und nicht der Stellvertreter für seine Gruppe.
Die Besetzung von Serie X ist nicht als Durchschnitt der allgemeinen Bevölkerung ausgelegt.
Fifty Shades of Gray zeigt, wie Twilight auch, die besondere Beziehung zwischen zwei Charakteren. Wie andere das handhaben, spielt keine Rolle.
Ich hoffe, es wird klar, was ich meine. Mir scheint, als würde das Verständnis von Individualismus heutzutage vielerorts fehlen. Charaktere werden nicht mehr als einzeln wahrgenommen, sondern gleich als Symbol für alles mögliche. Leute können es oftmals nicht ertragen, wenn eine Figur, die ihrer Hautfarbe, ihrem Geschlecht oder ihrer Sexualität entspricht, eine schlechte Figur macht. Sie übertragen das direkt auf sich, fühlen sich angegriffen, anstatt den Verstand zu besitzen, dass es sich um ein einzelnes Szenario in einer fiktionalen Welt handelt, das nicht mit ihnen in Verbindung steht. Mich stört das sehr, ich sehe in diesem Gruppendenken eine rückschrittliche Tendenz im Bewusstsein der Menschheit.